Odin
Odin – Der Allvater
Er ist nicht der stärkste Gott – das ist Thor. Nicht der schönste – das ist Baldur. Nicht der listigste – das ist Loki. Und trotzdem ist Odin der Allvater, der Herrscher über Asgard. Sein Geheimnis: Er hat mehr geopfert als irgendjemand sonst.
Wer ist Odin?
Odin ist der oberste Gott der nordischen Mythologie, Herrscher über Asgard und Anführer der Asen. In der germanischen Tradition entspricht er dem deutschen Wotan und dem angelsächsischen Woden – von letzterem leitet sich der englische Wochentag Wednesday (Woden's Day) ab.
Er ist der Gott des Krieges, der Weisheit, der Magie, der Dichtung, des Todes und der Prophezeiung. Für die Wikinger waren all diese Dinge verwandt: Wer kämpft, muss klug sein. Wer stirbt, braucht Weisheit für das, was danach kommt.
Das Opfer am Yggdrasil
Das zentrale Ereignis in Odins Mythologie ist sein Selbstopfer. Im Hávamál beschreibt Odin selbst, was er getan hat:
Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum, neun Nächte lang, mit dem Speer verwundet, Odin geweiht, mir selbst.
Neun Tage und Nächte hing er am Yggdrasil, ohne Wasser, ohne Speise, mit dem Speer durchbohrt. Am Ende fiel er – und hatte die Runen. Das gesamte Wissen der Welt, kodiert in 24 Zeichen. Das ist kein Mythos über Magie. Es ist ein Mythos über den Preis von Wissen.
Das Auge des Mimir
Odin opferte auch ein Auge. Er trank am Brunnen des Mimir – dem Brunnen der Weisheit unter einer der Wurzeln des Yggdrasil – und bezahlte den Preis: sein rechtes Auge. Das einäugige Gesicht Odins steht für eine radikale Idee: Vollständige Sicht kostet etwas. Wer alles sehen will, muss bereit sein, etwas zu verlieren.
Odins Begleiter
Huginn und Muninn – seine zwei Raben, Gedanke und Erinnerung, fliegen täglich über die Neun Welten und berichten ihm alles.
Sleipnir – sein achtbeiniges Pferd, das schnellste in den Neun Welten, kann zwischen den Welten reisen.
Gungnir – sein Speer, der niemals sein Ziel verfehlt. Bevor eine Schlacht beginnt, wirft Odin ihn über das feindliche Heer – damit weiht er die Gefallenen sich selbst.
Geri und Freki – seine zwei Wölfe. Odin gibt ihnen alles beim Mahl – er selbst trinkt nur Met.
Odins dunkle Seite
Odin ist kein wohlwollender Gott. Er lügt. Er manipuliert. Er gibt Helden Kraft, nur um sie später fallen zu lassen – weil er Einherjar für Ragnarök braucht. Er weiß, dass er am Ende verlieren wird, und kämpft trotzdem weiter. Das macht ihn menschlich, in einer seltsamen Weise.
Symbolik
Weisheit durch Opfer. Echtes Wissen gibt es nur durch Erfahrung, durch Schmerz, durch die Bereitschaft, sich dem Unbekannten auszusetzen.
Mut trotz Wissen. Odin kennt die Prophezeiung von Ragnarök. Er weiß, dass er fallen wird. Und kämpft trotzdem – bereitet sich vor, sammelt Einherjar, sucht nach jedem Vorteil.
Führung durch Verstehen. Odin führt nicht durch Stärke, sondern weil er mehr weiß, mehr gesehen hat, mehr geopfert hat als alle anderen.